1. Der Avocadokern im Wackelpudding

Der 4. Mai 2022 war von vornherein kein Anwärter auf den besten Tag des Jahres, dafür hatte ich mit der Anmeldung zum Waxing selbst gesorgt. Rückblickend hätte ich den Termin lieber abgesagt. Nicht, weil Beinhaare im Leben von Krebsbetroffenen an Bedeutung verlieren - aber ich hätte mich wohl noch gedulden können, bis sie unter der Chemo ohnehin ausgefallen wären. Andererseits hat mich der Tag gelehrt, dass es unangenehmere Behandlungen gibt als ein harmloses Waxing. Noch ein Grund, weshalb er die Rangliste eher von unten anführt. Gleichzeitig markiert dieser Tag aber auch den Beginn meines Weges. Mein Weg Richtung Genesung.

Ein Weg, der weder kurz noch direkt ist. Er ist voller Umwege, Sackgassen und Hindernisse, und die erste Station entlang des Weges ist zunächst einmal die Erkrankung. Nicht mit der ersten veränderten Zelle wurde ich Krebspatientin, sondern mit dem Bewusstsein über meine Krankheit. Noch am morgen des 4. Mai war ich schliesslich kerngesund. Klar war da dieser Knoten, den ich wenige Tage zuvor in meiner Brust gespürt hatte, aber was machte das schon. Ich hatte keine Beschwerden und von Doktor Google lasse ich mir schon lange nicht mehr Angst machen. Als geübte Symptom-Googlerin habe ich selbstverständlich nachgelesen, wie sich eine bösartige Veränderung anfühlen würde und habe die Ähnlichkeit zu dem murmelförmigen Etwas in meiner Brust wohl bemerkt. Wir Googler:innen wissen aber auch mit unseren Funden umzugehen und lassen uns davon nicht verrückt machen. Kurz: Hätte Beni mich nicht darum gebeten, wäre ich an diesem 4. Mai 2022 vermutlich nicht zur Gynäkologin gegangen.

Nun aber war ich da und erst einmal beruhigt, dass die Ärztin meine Gelassenheit zu teilen schien. Sogenannte Fibroadenome, also gutartige Knoten, kommen wohl relativ häufig vor und sie war überzeugt, dass es sich darum handeln müsse. Ihre Überzeugung erhielt mit dem Ultraschall erste Risse, erkennbar an der wenig beruhigenden Aussage, dass der Knoten «jetzt schon nicht ganz so aussieht, wie erwartet». Mit meinem Einverständnis würde sie gerne eine Biopsie machen und mich dann zwei Tage später telefonisch über das Ergebnis unterrichten.

«Keine Sorge, eine Stanzbiopsie klingt schlimmer, als sie ist.»

Eine Aussage, die ich so nicht unterschreiben kann. Die Biopsie war der mit Abstand stressigste Teil meiner bisherigen Therapie und der Hauptgrund, weshalb mir der Tag in so negativer Erinnerung ist. Der Tumor war super hart und ist beim Versuch, ihn mit einer (riesengrossen) Nadel zu piksen, im umliegenden Gewebe rumgeflutscht wie ein Avocadokern in Wackelpudding. Ich vermute, dass auch die Ärztin nicht mit so viel Widerstand gerechnet hatte. Oder zumindest revidierte sie ihre Aussage von vor fünfzehn Minuten und bestand plötzlich darauf, dass ich zwei Tage später zur persönlichen Besprechung der Ergebnisse wieder vorbeikomme. Klang gar nicht mal so gut und die Erinnerung an die gefundenen Onlineartikel flammte sofort wieder auf. Gleichzeitig hatte mich die Untersuchung so mitgenommen, dass mir das Ergebnis schon fast egal war. Ich hoffte einfach nur, dass genügend Proben entnommen werden konnten und ich die Prozedur nicht wiederholen musste.

Durchgeschwitzt und völlig konfus ging ich direkt weiter zu meinem Waxing-Termin und freute mich, dass sich das Wachsen meiner Beine fast wie eine sanfte Massage anfühlte.

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2. Sprich mir nach: «es ist Krebs»