2. Sprich mir nach: «es ist Krebs»
Wer weiss schon, wann eine Zelle im eigenen Körper mutiert, zu einer Krebszelle wird, sich vermehrt und eine Lawine ins Rollen bringt. Aber wenn einen die Lawine plötzlich überrollt, gibt’s keinen Zweifel mehr.
Mich überrollte sie am Freitag, 6. Mai 2022, als ich urplötzlich und ohne jegliche Symptome als krank galt.
Meine Gynäkologin kam an dem Tag schnell auf den Punkt. Sie kommunizierte klar und deutlich und nannte die Dinge beim Namen: Die entnommenen Proben enthielten bösartige Tumorzellen, es war Brustkrebs.
Anschliessend schaute sie mich lange an und schien auf eine Reaktion zu warten. Und auch ich wartete auf eine Reaktion, aber alles, was ich in dem Moment denken konnte, war die eine Frage: «Wie würde ein normaler Mensch in dieser Situation reagieren?» Sollte ich weinen, schreien, widersprechen? Stattdessen sass ich einfach da wie versteinert und reagierte erstmal gar nicht. Als nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch keine Emotion in mir aufkam, entschied ich mich stattdessen für Pragmatismus und erkundigte mich einfach nach den nächsten Schritten.
Es war schon alles organisiert. Direkt nach der Besprechung würde ich eine Mammografie machen lassen, und ich war auch schon für eine ganze Reihe weiterer Untersuchungen angemeldet. Die Ärztin konnte mir sagen, um welche Art von Tumor es sich handelte und was die Standardbehandlung dafür war. Ausserdem legte sie mir eine genetische Abklärung ans Herz, erkundigte sich nach meinem Kinderwunsch und versorgte mich mit zig Broschüren, Merkblättern und Kontakten. Das alles dauerte gefühlte 5 Minuten und ging bei mir zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus. Damit wir wenigstens schon einen kleinen ersten Schritt gemacht hätten, liess ich mir direkt noch die Hormonspirale entfernen, die während der Behandlung ohnehin nicht würde drinbleiben können. Danach verabschiedete ich mich fürs erste und machte mich wie in Trance auf den Weg ins Spital zur Mammografie.
Vom Wartezimmer aus meldete ich mich bei meinen Arbeitskolleg:innen ab für den Tag und gab meinem Partner Beni und meiner Schwester Nicole ein erstes schriftliches Update: «uf jede Fau bösartig, viu meh hani no gar nid ufgnoh». Ich hatte Angst vor den Reaktionen, wollte niemanden beunruhigen und schon gar kein Mitleid. Also nannte ich den Krebs erstmal nicht beim Namen, als würde das etwas ändern. Natürlich reagierten beide toll, unterstützend und mit dem Vorschlag, direkt im Spital vorbeizukommen. Beni holte mich dann auch ab und ging mit mir eine Runde durchs Quartier um den Kopf zu lüften. Nachmittags ging’s nochmals zurück ins Spital zum MRI und danach erstmal nach Hause, wobei der für mich schwierigste Teil des Tages erst noch bevorstand;
Wie sage ich’s meinen Eltern?
Diese Nachricht am Telefon zu überbringen konnte ich mir nicht vorstellen. Also raffte ich mich gegen Abend nochmals auf und fuhr zusammen mit Beni nach Lyssach, wo sich uns auch meine Schwester anschloss. Die wortlose Umarmung von Nicole war schliesslich, was bei mir endlich alle Dämme zum Einstürzen brachte. Gemeinsam fuhren wir nach Hause und Nicole sprach aus, was ich immer noch nicht konnte: Nadja hat Brustkrebs.