3. Krebs in den Zoo tragen

Egal, wie hektisch und dringend am Tag der Diagnose alles schien; tags darauf war erst einmal Wochenende und die Behandlung wurde so jäh abgebremst, wie sie Vortags angefangen hatte. Die gesamte Therapie erforderte immer wieder viel Geduld und dies war die erste Probe. Da war ich nun also wissentlich an Brustkrebs erkrankt und hatte nichts Besseres zu tun, als in den Zoo zu fahren.

Diese Untätigkeit war für mich schwer zu ertragen (auch wenn es mir vermutlich gut getan hat, alles erst einmal setzen zu lassen). Gleichzeitig hatte ich morgens beim Aufwachen auch den völlig irrationalen Gedanken, ob ich den Zoo nicht sowieso besser meiden sollte; denn schliesslich war ich ja krank. Ich fühlte mich nach wie vor eher als Zuschauerin denn Protagonistin dieses neuen Lebens und war unsicher über die richtigen Verhaltensweisen. Bestimmt gab es ein richtig und falsch, eine Art Anleitung für Kranke. Dass ich dieses Leben genauso selbst gestalten kann, wie ich dies bisher getan hatte, wollte mir damals nicht recht einleuchten. Schliesslich hatte ich mir auch diese dramatische Wende nicht selbst ausgesucht und dadurch ganz ungefragt und plötzlich die Kontrolle verloren. In diesem Gefühl des Kontrollverlusts wäre mir eine Liste zulässiger Aktivitäten und Verhaltensweisen gelegen gekommen. Mangels einer solchen, wurde es also der Zoobesuch mit meinen Freundinnen - und ein richtig schöner Tag mit meiner Erkrankung als bloss eines von vielen Gesprächsthemen.

Rückblickend empfinde ich die mit meinen Lieben verbrachte Zeit als wichtigen Bestandteil meiner Therapie, weshalb ich an dem Tag letztlich doch einen kleinen Schritt in Richtung (mentaler) Gesundheit gemacht habe. Ich entschied mich noch am Tag der Diagnose, offen mit meiner Erkrankung umzugehen und ich glaube, dass diese Offenheit viel zur Verarbeitung beigetragen hat. Sie hat dazu geführt, dass ich mich immer und immer wieder mit dem Krebs auseinandergesetzt habe. Ich habe das quasi gleiche Gespräch unzählige Mal geführt, habe bisherige Untersuchungen beschrieben und anstehende Therapien erklärt, mir die Erfahrungen von mir bekannten oder unbekannten Menschen angehört, willkommene und ungefragte Ratschläge entgegengenommen, Unterstützung, Mitgefühl und manchmal auch Mitleid erfahren.

Der Umgang mit Krebs ist für alle schwierig, nicht nur für die Erkrankten und ich war und bin unendlich dankbar für die vielen tollen Menschen, die mir in der ganzen Zeit meiner Erkrankung zur Seite gestanden haben und immer noch zur Seite stehen. Erst dadurch, dass ich genau dieses erste Gespräch so oft geführt habe, habe ich realisiert, wie viele Menschen für mich da sind – da ist es ganz egal, dass manch eine Reaktion oder Aussage mal etwas fehl am Platz oder sonst wenig hilfreich war. Besonders schön waren für mich die unerwarteten kleinen Gesten oder Rückfragen. So haben sich beispielsweise noch an diesem ersten Wochenende mehrere Personen aus meinem Team erkundigt, ob bei mir alles in Ordnung sei, da ich ja nach meinem Arztbesuch nicht mehr weitergearbeitet habe. Die Frage, ob ich auch mein berufliches Umfeld offen über meine Krankheit informiere, stellte sich so logischerweise gar nicht; es war das erste, was ich am Montag tat.

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4. Von Kapazitäten und Prioritäten

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2. Sprich mir nach: «es ist Krebs»