4. Von Kapazitäten und Prioritäten
Am Dienstag den 10. Mai 2022, vier Tage nach der Diagnose, fühlte ich mich immer noch wie im falschen Film. Nach aussen hin die Ruhe selbst, tingelte ich stoisch und wie ferngesteuert von Praxis zu Praxis, von Spezialistin zu Spezialist, ohne mich dabei mehr als absolut nötig mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen. Stattdessen konzentrierte ich mich immer nur auf den nächsten Schritt und auf das nächste Hindernis, das es zu überwinden galt. Wenn ich nur alle meine kleinen Sorgen eine nach der anderen aus dem Weg räumen könnte, wäre am Ende sicherlich auch der Krebs besiegt.
Dass an diesem Dienstag unter anderem der wohl wichtigste Termin überhaupt anstand, realisierte ich entsprechend nicht: die PET/CT-Untersuchung, die aufzeigen würde, wie weit der Krebs schon fortgeschritten war, ob er Lymphknoten befallen oder Metastasen gebildet hatte. Da ich mangels damaliger Aufnahmekapazität partout nicht mehr weiss, wann und vom wem ich das Ergebnis erhalten habe, nehme ich’s hier direkt vorweg: ich war (und bin) frei von Metastasen, mein Krebs gilt als heilbar.
Für mich war dieser Meilenstein einfach eine Abklärung unter vielen. Ich konnte noch nicht mal meinen sogenannten Primärtumor in irgendeinen sinnvollen Kontext von Dringlichkeit, Bedrohlichkeit oder Wichtigkeit setzen, von Metastasen ganz zu schweigen. Ich hatte meine Gynäkologin nicht nach Kontext gefragt, also hatte ich auch keinen bekommen. Trotzdem hatte ich natürlich keinerlei Vorwissen über Brustkrebs. Ich hatte mich nie darüber informiert und würde genau jetzt ganz bestimmt nicht damit anfangen. Erst sehr viel später habe ich mich getraut, meine Krankheit online nachzuschlagen und dabei unter anderem gelernt, dass metastasierter Brustkrebs als nicht heilbar gilt - und erst da wurde mir klar, wie viel Glück ich hatte und dass ich dieser PET/CT-Untersuchung ruhig etwas mehr Bedeutung hätte beimessen können.
Damals lagen meine Prioritäten woanders. Das wichtigste Hindernis, das es zu dem Zeitpunkt zu überwinden galt, war der Hautausschlag, der mich seit der Biopsie plagte. Ich war pustelig von Kopf bis Fuss und das Jucken trieb mich zur Verzweiflung. Meine Gynäkologin vermutete eine allergischen Reaktion auf das Betäubungsmittel und hatte mich an die Hautärztin überwiesen. Das war der Termin, dem ich wirklich entgegenfieberte. Nur leider liess er auf sich warten….
Die Praxis hatte montags nicht versucht, mich zu erreichen, und auch am Dienstagmorgen klingelte mein Telefon nicht. Also rief ich vor und nach der PET/CT-Untersuchung selbst ganze fünfzehn Male erfolglos an, bevor ich beim sechzehnten Versuch schliesslich Glück hatte. Ja, die dringliche Überweisung der Gynäkologin hätte man sehr wohl erhalten und mir auch schon per Post einen Termin geschickt - für in drei Wochen. So die Antwort, die ich im Wartebereich des Inselspitals entgegennahm. Ich war schon vor dem Anruf völlig aufgelöst, weil ich Beni nicht mehr finden konnte. Noch so ein Problem, das mir damals weitaus grösser und wichtiger erschien als meine Erkrankung und allfällige Metastasen. Objektiv betrachtet war es sicherlich ungewollt komisch, wie wir uns irgendwo im Fahrstuhl gekreuzt haben müssen, als Beni sich spontan dazu entschloss, mich nicht im Café sondern doch direkt im Untersuchungsbereich abzuholen. Als ich ihn aber während 20 Minuten weder finden noch telefonisch erreichen konnte (nein, im Inselspital gibt’s keinen durchgehenden Netzempfang), war ich mit den Nerven völlig am Ende. Am Telefon mit der Hautarzt-Praxis tat ich also das einzig in der Situation Denkbare und brach in Tränen aus. Der Zweck heiligt die Mittel; ich erhielt noch für den gleichen Tag einen Termin, damit wir hoffentlich baldmöglichst wüssten, worauf ich allergisch war und wo der Ausschlag herkam.
Nun ist es natürlich so, dass man für einen erfolgreichen Allergietest genau zwei Kriterien erfüllen muss: man darf zum Testzeitpunkt keine allergieunterdrückenden Medikamente einnehmen und man benötigt ein Fleckchen ausschlagfreie Haut, worauf der Test durchgeführt werden kann. Ich erfüllte an dem Nachmittag weder das eine noch das andere Kriterium.
So wurde ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt, wo ich mich zur Ablenkung direkt auf das nächste lösbare Problem stürzte: die Organisation meiner bevorstehenden längeren Abwesenheit vom Arbeitsplatz.
Der Allergietest wurde irgendwann noch nachgeholt, wobei allerdings keine Reaktion provoziert werden konnte. Vermutlich wurden auch ganz einfach nicht die richtigen Auslöser getestet. Erst vor zwei Monaten habe ich mich erstmals seit der Chemo wieder beim Waxing angemeldet - und siehe da; der Ausschlag kam zurück. Glücklicherweise ist er heute, endlich wieder im richtigen Film angekommen, kein überwindbares Hindernis mehr.