19. Der fehlende Millimeter

When life gives you lemons…

… swap them for melons.

Nicht eins zu eins das altbekannte Sprichwort von Zitronen und Limonade - aber mit das erste, was mir nach meiner Mastektomie durch den Kopf schoss. Fand ich witzig, zumal mich meine geschwollenen Silikonbrüste kurz nach der Operation durchaus an Melonen erinnerten.

Ungewohnt gross, rund und hart - aber zumindest gesund. Oder so dachte ich zumindest, bis der Anruf des Chirurgen kam und der guten Laune ein plötzliches Ende bereitete: Der Laborbefund zeigte eine unerwartete Auffälligkeit.

Ganz am Rand des entfernten Gewebes, weit entfernt vom Tumor und damit im vermeintlich gesunden Bereich, tummelten sich veränderte Zellen. Ein so genanntes duktales Carcinoma in situ (DCIS). Zwar noch keine Krebszellen, aber dennoch ungebetene Gäste. Und wenn sie sich dort am Rand aufhalten, wer garantiert, dass sie nicht auch im kleinen Rest verbliebenen Gewebes zu finden sind? Denn obwohl bei einer Mastektomie per Definition das gesamte Brustgewebe entfernt wird, so bleibt doch entlang der Haut ein winziger Rand zurück. Und niemand kann diesen Rand davon abhalten, neue Krebszelle zu bilden.

Die Lösung meines Chirurgen klang so simpel wie niederschmetternd: Es musste ein weiterer Millimeter Brustgewebe raus. Ein Befund und Behandlungsplan, die mich kalt erwischten.

Eine anschliessende medikamentöse Behandlung; klar, immer so geplant. Ein Restrisiko, irgendwann im Leben doch nochmals Brustkrebs zu entwickeln; doof, aber auch klar. Ein schon befallener Lymphknoten; die schlummernde Angst im Hinterkopf, aber nun mal kein Ding der Unmöglichkeit. Mit all dem hatte ich gerechnet, aber dass meine noch nicht einmal halb verheilten Brüste gleich wieder aufgeschnitten werden sollten, traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Also sagte ich Ja und Amen, notierte mir den neuen Operationstermin, verabschiedete mich und setzte mich zum Weinen hinter das Bett. Erst tags darauf hatte ich mich soweit beruhigt, dass ich den Chirurgen nochmals anrufen und ihm berichten konnte, dass ich rein gar nichts verstanden hatte.

Nüchtern betrachtet war die Nachricht nicht so dramatisch – bei weitem nicht so schlimm wie es ein befallener Lymphknoten oder auch eine Vielzahl anderer möglicher Komplikationen gewesen wären – es ist der Kontrollverlust, der mit Krebs immer und immer wieder einhergeht, der solche Nachrichten zu Schreckensbotschaften macht. Immer dann, wenn man glaubt, den weiteren Behandlungsplan verstanden zu haben, taucht von irgendwo ein Störfaktor auf und wirft ihn über den Haufen.

Und diesmal war es halt das DCIS.

Der eine Millimeter Brustgewebe.

Das kleine Stück Zitronenzeste, welches das Leben nicht zurücknehmen wollte.

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18. Erinnerungsfetzen