17. Abschied

Nach Abschluss der aktiven Therapie liess die nächste grosse Herausforderung nicht lange auf sich warten: die Operation.

Was aus der Ferne wie ein weiterer Meilenstein am Wegrand ausgesehen hatte, entpuppte sich von Nahem betrachtet zum riesigen Felsbrocken mitten auf dem Weg. Ich hatte immer einfach einen Fuss vor den anderen gesetzt, mich nur auf den jeweils nächsten Schritt konzentriert und war den Weg meiner Krebstherapie einfach gegangen, wie er sich mir präsentiert hatte. Den Horizont oder auch schon nur die nächste Biegung hatte ich dabei komplett aus den Augen gelassen. Und nun blickte ich plötzlich auf - und vor mir stand dieser Berg. Und ich fühlte mich nicht bereit, ihn zu erklimmen.

Obschon ich dachte, dass ich mich bereits mit Erhalt der Gentest-Resultate für eine Mastektomie entschieden hätte, war ich nun plötzlich unsicher. War das der richtige Weg? Oder sollte ich der ärztlichen Empfehlung folgen, brusterhaltend operieren, die Brust anschliessend bestrahlen lassen und mich ein Leben lang vor der Nachsorge fürchten? Mit zeitlicher und vor allem emotionaler Distanz ist die Wahl zwischen einer schlechten und einer sehr schlechten Option einfach - heute scheint sie mir wieder genauso logisch wie damals zu Beginn meiner Behandlung im Zimmer des Genetikers. Aber mitten in dieser turbulenten Zeit voller schwerer Entscheidungen, Fremdbestimmung, Unsicherheit und Angst konnte ich sie nicht treffen.

Zum einen lag dies sicherlich daran, dass ich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, mit dem Chirurgen zu sprechen. Aber auch sonst fühlte ich mich plötzlich völlig uninformiert und überrumpelt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann wollte ich für diese wichtige und endgültige Entscheidung auch einfach nicht die Verantwortung übernehmen. Stattdessen rief ich panisch bei den Breast Care Nurses an - ein Angebot, das ich noch nie zuvor wahrgenommen hatte, wo ich also niemanden kannte und keine Bezugsperson hatte - und hoffte, sie würden mir die Entscheidung abnehmen. Taten sie natürlich nicht. Und auch sonst konnten sie mir so spontan kaum hilfreiche Tipps geben. Da war die anschliessende Besprechung mit dem plastischen Chirurgen schon aufschlussreicher. Anders als befürchtet, konnte er mir nicht nur meine Fragen zur Optik beantworten, sondern - viel wichtiger - auch meine Fragen zum Krebs, den Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Operationsformen und dem anschliessenden Erkrankungsrisiko.

Klar, immer aus der Perspektive eines Mannes, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, symmetrische Körper zu formen - aber dennoch offen, empathisch und vor allem kompetent.

So konnte ich mich schliesslich guten Gewissens und mit dem Gefühl, mich ausreichend informiert zu haben, für die Mastektomie entscheiden.

Dennoch; so wirklich bereit war ich nicht. Mindestens ebenso wichtig wie der Entscheid war es deswegen auch, ihn im Anschluss einfach noch etwas setzen zu lassen. In Absprache mit meinen Ärztinnen verlegte ich den ursprünglich festgelegten Operationstermin nochmals um zwei Wochen und spürte sofort die Erleichterung, die mir diese Entscheidung brachte.

Schliesslich hatte ich vor der Operation noch so einiges vor: mich von der Chemo erholen, zur Ruhe kommen, etwas an Gewicht zulegen, Muskeln aufbauen und - am wichtigsten - mich von meinen Brüsten in ihrer derzeitigen Form verabschieden.

Spontan buchte ich für zwei Nächte ein Zimmer in den Bergen, wo ich mich kurz vor der Operation zurückziehen und in der Natur meine Reserven aufladen konnte. Auch mit Beni fuhr ich nochmals ein Wochenende weg und genoss eine Zeit mit nur noch wenig Therapie-Nachwirkungen. Ich war zwar müde und auch schneller erschöpft als vielleicht vor der Krankheit, aber ich konnte problemlos kurze Wanderungen geniessen und kam mit ausreichend Pausen auch mal einen Berg hoch - super fürs Ego und das Gemüt.

Besonders heilsam war für mich aber, diese Zeit der Stärke und Zerbrechlichkeit einmal fotografisch festzuhalten. Ich hatte mich schon relativ früh in der Behandlungszeit für ein Fotoshooting interessiert und war bei meinen Recherchen zufällig auf ein sogenanntes Selbstliebe-Shooting gestossen - ein Name, der mich in dieser herausfordernden Zeit, die meinem Körper so viel abverlangte, die mich frustrierte, mich müde und schwach fühlen liess, sehr ansprach. Ich wollte mich schliesslich selbst lieben, meinen Körper für seine grosse Leistung wertschätzen anstatt ihn zu bemitleiden oder - noch schlimmer - von ihm (und mir) enttäuscht zu sein.

Also meldete ich mich an, und der Termin fiel schliesslich genau in die Zeit zwischen aktiver Therapie und Operation. Dieser Umstand sorgte dafür, dass sich in den komplizierten Mix aus Emotionen letztlich auch eine gute Portion Wehmut mischte. Das Thema Abschied war unerwartet präsent und das Zulassen dieser Trauer und Wehmut wahnsinnig wichtig für mich. In nur einem Nachmittag konnte ich weinen, lachen, melancholisch und sinnlich sein. Ich habe getanzt und gefeiert, getrauert und geliebt. Und als alle Emotionen raus waren, konnte ich endlich zur Ruhe kommen und mich bereit fühlen für das, was vor mir lag.

Mag sein, dass der Berg aus Herausforderungen nicht kleiner war als zuvor. Aber ich hatte mich informiert, gründlich vorbereitet und meine Kräfte mobilisiert. Der Aufstieg konnte beginnen.

Foto by Lene Wichmann

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18. Erinnerungsfetzen

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16. Die letzte Chemo