16. Die letzte Chemo
Für die zweite Hälfte meines vorletzten Chemozyklus war packen angesagt. Wir hatten per Ende der Woche die Umzugsfirma bestellt, also musste bis dahin alles ordentlich in Kisten verstaut sein. Nebenwirkungen hin oder her - auch wenn’s daran nicht mangelte. So machte beispielsweise mein Kreislauf auf dem kurzen Weg zur Gelateria aus heiterem Himmel schlapp. Genau wie zwei Wochen zuvor im Büro musste ich mich augenblicklich hinsetzen und eine Cola trinken, ansonsten wäre ich umgekippt. Gut, wenn man seine Hausmittelchen so langsam kennt…
Ansonsten ging’s aber mit meinen Energiereserven wieder bergauf und nachdem ich bei meiner Osteopathin war, hatte ich auch urplötzlich wieder Appetit. Ich holte mir eine Unmenge Fast Food -und ich tat gut daran, denn bereits am gleichen Abend konnte ich wieder nichts mehr essen. Ich schreibe ‘konnte’, weil diesmal mehr als nur der Wille fehlte. Meine Mundschleimhäute hatten sich entzündet und jeder Bissen schmerzte – es ging ganz einfach nicht mehr.
Gemeinsam mit meinem Appetit verschwand diesmal auch meine gute Laune. Ich war moralisch an einem Tiefpunkt, konnte mit diesen neuen Schmerzen und der zusätzlichen Erschwerung der ohnehin schon mühsamen Nahrungsaufnahme nur schlecht umgehen. Die Moral besserte sich glücklicherweise nach wenigen Tagen wieder, die Schmerzen hingegen nicht. Also vereinbarte ich einen Termin bei meiner Onkologin, die mir zumindest eine betäubende Mundspülung mitgeben konnte.
Und dann demontierten wir auch schon die letzten Möbel und der Umzugstag stand bevor.
Diesen verbrachte ich als Zuschauerin. Erst zum sonntäglichen Wohnungsputz war ich wieder soweit bei Kräften, dass ich auch mit anpacken konnte. Ich ernährte mich zwar noch mehrheitlich flüssig, konnte meinen kreativen Smoothies aus Cookies, Rahm, Eis und anderen Kalorienbomben aber durchaus auch Positives abgewinnen. Auch wenn sie nicht ausreichten, um mein Gewicht halten zu können, so waren sie doch wenigstens lecker - und mit der unmittelbar bevorstehenden allerletzten Chemo war vergleichsweise schnelle Besserung in Sicht. Oder so dachte ich zumindest - und hatte wie schon so oft die Rechnung ohne die Launen des Schicksals (resp. des Krebs) gemacht.
Nachdem ich bisher jeglichen Viren und Bakterien erfolgreich aus dem Weg gegangen war, erwischten Sie mich auf den letzten Metern doch noch. Pünktlich zur letzten Chemo wachte ich mit Fieber auf; eine Bronchitis. Also statt Chemo erstmal Antibiotika und eine grosse Portion Geduld. Ich schlug mein Krankenlager in unserem neuen Garten auf, lag stunden- und tagelang in der Sonne und erholte mich langsam von Krankheit und Therapie. Die letzte Chemo wurde in dieser Zeit zwei Mal neu terminiert und schliesslich am 11. August 2022, ganze neun Tage später als geplant, erfolgreich durchgeführt. An diesen eigentlich denkwürdigen Termin kann ich mich lustigerweise kaum erinnern, ebenso wenig an die mit diesem letzten Zyklus verbundenen Nebenwirkungen.
Hauptsache, dieses Kapitel hat damit ein Ende.