15. Zeitbrocken und Meilensteine

In meiner Therapieblase verging die Zeit anders.

Nicht kontinuierlich und rund, nicht in Minuten die zu Stunden wurden, Stunden die zu Tagen und Wochen wurden. Sie verging in Schüben, zählte nur die erreichten Meilensteine und stand ansonsten still. In den Momenten der vermeintlichen Untätigkeit, in denen mein Körper doch gegen den Krebs und die Medikamente ankämpfte, schien die Zeit endlos. Mit Erreichen eines Meilenstein brach hingegen oft ein ganzer Zeitbrocken weg, nur damit die Zeit anschliessend wieder stillstehen konnte.

So konnte die noch bevorstehende Therapiedauer in einem Moment unendlich erscheinen, nur um nach dem nächsten Termin gefühlt fast schon überstanden zu sein.

Genau so habe ich am Montag, 18. Juli 2022 meine vierte Chemotherapie erlebt. Ich war unsicher, wie ich diese vertragen würde – sowohl körperlich als auch mental. Vor zwei Wochen hatte ich die Erwartung, dass ich das onkologische Ambulatorium guten Mutes verlassen und mich freuen würde, dass bereits drei von fünf Zyklen vorbei wären. Als ich dann aber nervös schwitzend im Behandlungsstuhl sass, fühlten sich die noch vor mir liegenden Therapien plötzlich endlos an. Die Nebenwirkungen standen schliesslich noch bevor und ich hatte mitnichten die Hälfte geschafft – gerade mal fünf von mindestens elf Wochen Beschwerden lagen hinter mir. Leidglich ein kleiner Bruchteil war geschafft, und ich war’s auch. Der erhoffte Zeitbrocken schien diesmal nicht abbrechen zu wollen, die Zeit bleib weiter einfach stehen.

Entsprechend unsicher wartete ich meine Emotionen nach der dritten Sitzung ab und war froh, Beni diesmal an meiner Seite zu haben. Doch auch diesmal wurde ich von meiner Reaktion überrascht – glücklicherweise positiv. Die dritte von vier Infusionen war erfolgreich verabreicht und damit war ich doch schon so gut wie über den Berg. Weg war der Gedanke, dass ein Zyklus aus weit mehr als nur der Infusion besteht. Jedes Argument, das mich vor zwei Wochen so gar nicht überzeugt hatte, war plötzlich gut genug. Ich blickte optimistisch auf die kommende Zeit und war zudem auch gegen einiges gewappnet: Neu im Gepäck hatte ich mein Antimykotikum gegen den Pilz, sowie eine Packung Temesta gegen die nächtliche Übelkeit und meine Schlafstörungen. Die Therapie konnte mir nichts anhaben.

. . .

Na gut, ein Bisschen was konnte sie mir dann doch anhaben.

Aber zunächst fühlte ich mich gut und startete entsprechend schwungvoll in den neuen Zyklus. Mit den passenden Medikamenten war der Pilz innert kürzester Zeit weg, die Nächte ruhig und die Übelkeit merklich geringer. Nur die Verdauung wollte auch diesmal nicht so recht mitmachen und ich litt vier Tage lang unter ständigem Durchfall. Schon im vorherigen Zyklus hatte mich die Kombination aus Appetitlosigkeit und Durchfall vom Essen abgehalten und auch jetzt konnte ich mich kaum dazu überwinden. Entsprechend schwierig wurde es plötzlich auch, mein Gewicht zu halten. Glücklicherweise hatte ich am Therapietag die Geistesgegenwart, um eine Überweisung zur Ernährungsberatung zu bitten, wo ich auch bald einen Termin bekam.

Ab da waren täglich mindestens sechs Mahlzeiten (oder in meinem Fall wohl eher Snacks) angesagt. Statt magerem Joghurt gab’s proteinreichen Skyr und über jeden angerichteten Teller einen extra Schuss Öl als kleinen Energie-Boost. Die vielen Mahlzeiten gaben meinen Tagen Struktur und eine Möglichkeit, selbst etwas zum Therapieerfolg beizutragen. Also hielt ich mich akribisch an die vorgeschlagenen sechs Einheiten, auch wenn ich oft nur wenige Bissen runterbekam.

So ging die erste Woche ganz gut rum und nach einem wiederum sehr müden Wochenende stand am darauffolgenden Montag ein weiterer wichtiger Termin an: der Ultraschall, der zeigen sollte, ob die ganze Anstrengung der letzten Wochen auch Früchte trug. Ich war weniger nervös als erwartet und freute mich sogar auf den Termin. Der Tumor fühlte sich anders an, also glaubte ich einfach an einen positiven Befund.

Und tatsächlich war fast gar nichts mehr zu sehen!

Die noch erkennbaren Überreste konnten genauso gut blosses Narbengewebe sein und sowohl ich als auch die Gynäkologin waren mit dem Ergebnis zufrieden. Als ich ihr hingegen beiläufig erzählte, dass wir die Therapie umstellen mussten und nun dadurch schon quasi am Ende seien, liess ihre Begeisterung spürbar nach. Da die letzte Chemo bereits in einer Woche stattfinden würde, hätten wir schon längst mit der OP-Planung beginnen müssen. Scheint, als wäre diesmal ein zu grosser Zeitbrocken abgebrochen… Nun musste es schnell gehen.

Die Operationstermine für Mastektomien - und dafür hatte ich mich schliesslich entschieden - waren rar und fanden nur alle 14 Tage statt. Mit meinem geplanten Chemo-Abschluss am 2. August und einem anschliessenden Zeitfenster von mindestens drei, aber nur maximal fünf Wochen, müsste man bereits den Termin vom 1. September nehmen. Vorher brauchte ich aber unbedingt noch ein Beratungsgespräch mit dem plastischen Chirurgen, der aber ausgerechnet jetzt im Urlaub war.

Also doch wieder Stillstand.

Eigentlich kein Wunder, dass sich das Zeitgefühl verabschiedet, wenn zwar alles schnell gehen muss - und plötzlich doch für volle drei Wochen einfach nichts passiert.

Zurück
Zurück

16. Die letzte Chemo

Weiter
Weiter

14. Die Hochs und Tiefs eines Chemo-Zyklus