14. Die Hochs und Tiefs eines Chemo-Zyklus
4. Juli 2022: Amerika mochte die Unabhängigkeit feiern, aber ich fühlte mich weder unabhängig noch feierlich. Nervös und mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins sah ich meiner nächsten Chemotherapie entgegen.
Um 10h15 sollte ich zum Fingerpiks im Labor sein. Genau passend, um davor noch kurz am wöchentlichen Montagsmeeting mit meinem Team teilzunehmen und so etwas Normalität in meinen absonderlichen Alltag zu bringen. Schon seit zwei Monaten bestand dieser fast nur noch aus Brustkrebs, was mich aber noch lange nicht zur gelassenen Routinierin machte. Im Gegenteil: Während der gesamten Infusionsdauer wollte ich am liebsten die Flucht ergreifen, meine schweissnassen Hände und mein rasendes Herz weit weg tragen. Mein Körper hatte die negativen Erfahrungen verinnerlicht und reagierte instinktiv. Dagegen kam der rationale Teil meines Geistes nicht an. Auch wenn er wusste, dass ich diese Therapie beim letzten Mal ganz gut weggesteckt hatte und keine allergische Reaktion zu erwarten war.
In dem Moment hätte mir etwas Ablenkung gutgetan, weshalb Beni ab der nächsten Chemo stets an meiner Seite war. Ein letztes Mal musste ich also alleine durch und es lief auch glücklicherweise alles nach Plan. Auch den Nachmittag überstand ich relativ gut, weshalb wir uns abends sogar in den Tanzunterricht wagten – oder vielleicht motivierte uns auch weniger der glimpfliche Nachmittag als vielmehr die Angst vor den noch bevorstehenden Nebenwirkungen…
Und die liessen nicht lange auf sich warten.
Während die Vormittage anfangs noch ruhig verliefen, kämpfte ich schon am ersten Nachmittag gegen Übelkeit. Das dafür verschriebene Domperidon konnte die Symptome zwar lindern, brachte sie aber nie zum Verschwinden. Trotzdem habe ich das Medikament nicht gewechselt. Man hatte mir gesagt, ich solle mit Domperidon starten und auf eine Alternative wechseln, wenn nach 45 Minuten keine Besserung eintrete. Da ich eine leichte Verbesserung zu spüren glaubte, blieb ich dabei. Ausserdem: Was, wenn die Übelkeit schlimmer würde, ich aber das wirksamste Medikament schon für die Anfänge verschwendet hätte?! Mir ist klar, dass Medizin nur in Spielen so funktioniert (niemand würde einen 5-Punkte-Heiltrank verschwenden, solange der Schaden erst 3 Punkte beträgt…), aber irgendwie war dieser Gedanke zu der Zeit nicht aus meinem Kopf zu kriegen. Keine Tapferkeit, die sich lohnt; in späteren Zyklen wurde die Alternative zum Mittel der Wahl und kam zuverlässig gegen die Übelkeit an.
In diesem Zyklus hatte ich nebst den schulmedizinischen Lösungen zum Glück auch einen grossen Vorrat an Maoam, der mindestens so gut half wie das Domperidon. Nichts ausrichten konnten er hingegen gegen die Schlaflosigkeit. Ich lag oft ab 1 Uhr wach und wurde so von Tag zu Tag müder.
Erst am Freitag war die Übelkeit überwunden, aber wie bei einer Chemo üblich, war sie nie weit weg und wurde zudem direkt von den nächsten Beschwerden abgelöst: Durchfall, Appetitlosigkeit und ein Gefühl, als würde mein Hals zuschwellen. Um’s vorwegzunehmen; das Wochenende war schliesslich der Tiefpunkt dieses Zyklus. Mein Appetit hatte sich gänzlich verabschiedet und mit der Appetitlosigkeit kam auch die Übelkeit zurück - und umgekehrt. Ich zwang mich, wenigstens etwas Bouillon zu mir zu nehmen, was mir mein seltsam verengter Hals aber quasi verunmöglichte.
Entsprechend ruhig musste ich das Wochenende angehen. Bereits unter der Woche reichte meine Energie bloss für ein bis zwei Stunden Aktivität pro Tag. Am Wochenende lag schliesslich auch das nicht mehr drin und der Höhepunkt des Tages war ein Spaziergang von weniger als einem Kilometer, unterbrochen von mehreren Pausen.
Allen Nebenwirkungen zum Trotz, hatte ich auch in dieser Woche einige Stunden gearbeitet und war fest entschlossen, am Montag nach Zürich ins Büro zu fahren. Ich hatte für diesen Tag einen Termin mit unseren Treuhändern vereinbart und sah absolut nicht ein, diesen abzusagen. Tatsächlich war mein Körper Komplize meiner Sturheit und liess den Ausflug zu. Ich nahm den Termin wahr und hängte direkt noch eine kurze Besprechung an. Erst als mir schwarz vor Augen wurde und ich mich kreidebleich hinsetzen und an der Tischkante festhalten musste, stellte ich meinen Ausflug in Frage. Sobald sich der Schwindel wieder gelegt hatte, machte ich mich also auf den Heimweg und nahm mir vor, mich in den nächsten Tagen nicht mehr so weit von zu Hause wegzubewegen.
Stattdessen ging’s am Dienstag erst einmal zur Pediküre. Ich war noch müde, aber ansonsten guter Dinge. Neben der Müdigkeit begleiteten mich in dieser zweiten Woche insbesondere die Verengung im Hals und neu aufgetretene Schmerzen an Zahnfleisch und Lippen. Unangenehm, aber kein Grund, aufs Gurtenfestival zu verzichten! Beni und ich hatten lange vor meiner Diagnose zwei Viertagespässe gekauft, die wir trotz diverser Bemühungen nicht weiterverkaufen konnten. Also erklommen wir am Mittwoch und Donnerstag den Berg, wo wir im Schatten eines Baumes picknickten und das erste Konzert des Tages genossen. Sobald sich die Wiese füllte, machten wir uns wieder auf den Heimweg, um der Gefahr einer Infektion zu entgehen. Wir verbrachten zwei schöne, wenn auch kurze Festivaltage, wobei wir es dann aber auch beliessen.
Das Wochenende verbrachte Beni bei seiner Familie in Deutschland, während ich mir die lange Reise nicht zutraute und mich lieber mit meiner Tante Ruth zum Kaffee traf. Sie war es denn auch, die mir eine Pilzinfektion im Rachen diagnostizierte – vielen Dank an dieser Stelle, die klare Diagnose sollte bald zu einer Linderung meiner Beschwerden führen. Ich erzählte meiner Onkologin am Montag davon, erhielt daraufhin eine einzige Kapsel und war quasi sofort pilzbefreit…
Ein versöhnlicher Abschluss dieses Zyklus, der trotz schwierigem Start doch noch einiges an Unabhängigkeit und Feierlichkeit für mich bereithielt.