9. Warten.

Ab dem 19. Mai 2022 wartete ich auf Nebenwirkungen. Nicht, dass diese lange auf sich warten liessen, aber lange gewartet habe ich dennoch. Gewartet, was kommt. Gewartet, wie es sich verändert. Gewartet, ein Gegenmedikament zu nehmen. Gewartet, dass es wieder geht und durch was neues ersetzt wird. Nur weil mir heute übel ist, muss es mir morgen nicht schlecht gehen - aber vielleicht übermorgen. Und was den einen Therapie-Zyklus prägt, muss nicht auch im zweiten, dritten und vierten wieder auftauchen. Oder vielleicht doch, aber überschattet von noch ganz anderen Dingen. Meine Chemotherapie lehrte mich, stets auf der Hut zu sein. Und abzuwarten; der Dinge harren, die da kommen.

Ich verbrachte 3 Monate mehrheitlich damit, meinen Körper und Geist auf Beschwerden, Blessuren und Schmerzen abzuchecken. Reale, eingebildete und mögliche zukünftige Nebenwirkungen waren mein erster Gedanke nach dem Aufwachen und mein letzter vor dem Einschlafen. Ich war ständig auf der Suche nach Symptomen und konnte absolut nichts dagegen tun, dass die Behandlung damit zu meiner ständigen Begleiterin wurde. Eine merkwürdige Zeit, in der ich immer eine Tüte mit allen erdenklichen Medikamenten mit mir rumschleppte.

Jedoch, am 19. Mai fand ich noch kaum Grund zur Klage. Ich wachte mit heissem, gerötetem Kortison-Kopf auf, war ansonsten aber fit und munter – und bereit für meinen Coiffeurtermin am Nachmittag. Mir wurde gesagt, dass beide geplanten Chemo-Medikamente zu Haarausfall führen, weshalb ich mich vorbereiten wollte. Also ging ich zum Coiffeur und bat darum, dass man mir die Haare bis auf wenige Millimeter abschneidet. Der nette Friseur war sichtlich irritiert, nahm aber nach mehrmaligem Rückversichern die Dompteuse in die Hand und kam dem Wunsch nach. Die so entstandene Kurzhaarfrisur war gar nicht schlecht und auch die gesamte Prozedur völlig okay und wenig emotional.

. . .

Deutlich emotionaler ist dagegen die zweite Kurzhaarfrisur. Die nach der Chemo, wenn eigentlich alles vorbei sein sollte.

Während ich meine Glatze stets mit Stolz getragen habe, fühle ich mich mit den kurzen Haaren unwohl. Sie versinnbildlichen alles, was mir an meiner Krankheit missfällt. Den Kontrollverlust, die Langwierigkeit, die Machtlosigkeit. Meine Glatze habe ich mir zu einem von mir gewählten Zeitpunkt spontan und innert wenigen Minuten selbstbestimmt schneiden lassen. Sie stand für Mut, Unerschrockenheit, Kampfgeist und Weiblichkeit. Man sah mir an, dass ich kämpfe – und siege. Die kurzen Haare sind dagegen nach aussen Frisur, aber nach innen vor allem Geduldsprobe. Natürlich werden sie wachsen. Aber bis dahin sind sie eine tägliche Erinnerung, dass ich nicht alles im Leben selbst in der Hand habe und dass die Krankheit jederzeit zurückkommen könnte.

Insofern ist der Krebs auch heute noch täglich präsent und ich warte noch immer. Auf längere Haare und das Leben danach - was auch immer das bedeuten mag.

Zurück
Zurück

10. Herzensangelegenheiten

Weiter
Weiter

8. Ein langer Tag kurz beschrieben