10. Herzensangelegenheiten

Genau wie angekündigt, machten sich die Nebenwirkungen ab dem zweiten Tag bemerkbar. Ich war müde und erschöpft, konnte aber dennoch nur schlecht schlafen. Beim Aufwachen war mein Mund so trocken, dass die Innenseiten der Wangen am Zahnfleisch klebten und fast schon schmerzhaft weggerissen werden mussten. Dazu kamen häufige Bauchschmerzen, auch diese insbesondere frühmorgens. Mein Appetit war mal da und mal weg, genauso wie meine Verdauungsstörungen mit Blähbauch und Durchfall im steten Wechsel. Von der prophezeiten Übelkeit wurde ich glücklicherweise nahezu verschont - Ausnahmen bestätigen die Regel - und dann war die erste von drei Wochen auch schon rum und zumindest die akut auftretenden Beschwerden für diesen Zyklus bereits wieder auf dem Rückzug.

Gutes Timing, da ich für das bevorstehende Auffahrtswochenende schon im Januar, also vor einer gefühlten Ewigkeit, Urlaub in Hamburg gebucht hatte. Die Reise war ein Geburtstagsgeschenk für Beni, und ich war fest entschlossen, sie anzutreten. Von sowas wie einer Chemotherapie würde ich mir doch nicht meine Ferienpläne durchkreuzen lassen - ein Grundsatz, den ich im weiteren Verlauf noch über Bord werfen würde…

Umso schöner, hat’s dieses erste Mal geklappt; Hamburg war toll. Und kalt. Da mein Körper anderweitig beschäftigt war, reichte die Energie zwar für Sightseeing und die damit verbundenen paar tausend Schritte, aber nicht dafür, dabei nicht ständig zu frieren. Vermutlich hatte ich nebst meiner Medikamenten-Tüte und meinen Kopftüchern auch etwas Fieber im Gepäck. Trotzdem taten mir die paar Ferientage an Benis Seite gut. Die Aktivität lenkte mich ab und ich wollte lieber frierend und mit leichten Beschwerden Pläne verwirklichen, als rundum fit Däumchen zu drehen.

Immer auf Achse – da passte es durchaus ins Bild, dass ich am Morgen unserer Rückkehr in Bern direkt den nächsten Arzttermin wahrnahm. Ich wollte gerade in die Dusche steigen, als mich die Praxisassistentin des Kardiologen anrief, um mich für in einer halben Stunde spontan aufzubieten. Ein Kardiologe klingt jetzt nicht nach der naheliegenden Adresse für eine Krebsbehandlung. Was hat mein Herz mit meinen Brüsten zu tun? Leider mehr als mir lieb wäre. Eines der bei mir angewandten Medikamente kann in seltenen Fällen das Herz schädigen, weshalb dessen Zustand überwacht wird. Bisher sieht an der Front aber alles gut aus, ein Glück. Der erste Besuch an diesem Montagmorgen diente auch ohnehin nur der Erfassung des Grundzustands vor der Behandlung und bot insofern kein Grund zur Sorge. Etwas nervöser war ich vor dem zweiten Arzttermin des Tages: Ich musste mir von der Gynäkologin einen sogenannten Clip einsetzen lassen. Dieser Clip markiert das betroffene Gewebe, um es bei der Operation auch dann wiederzufinden, wenn die Krebszellen durch die Chemo bereits vollständig zerstört sind. Das Einsetzen ist an sich keine grosse Sache, aber ich erinnerte mich noch sehr lebhaft an die Biopsie und machte mir entsprechend so meine Gedanken. Letztlich war die Sorge umsonst und das Einsetzen des Clips tatsächlich harmlos. Mehr noch: Der Termin war auch das letzte Kästchen, das es auf der To-do-Liste von Vorsorgeuntersuchungen, Abklärungen und Routineterminen noch abzuhaken galt.

Nun musste ich «nur» noch die eigentliche Therapie überstehen.

Klingt zynischer, als es gemeint ist. Tatsächlich freute ich mich, eine ganze Woche ohne Arztbesuche vor mir zu haben. Und obschon sicherlich nicht alles rosig war, genoss ich diese freie Zeit so gut es ging. Mein Nebenwirkungs-Zettel, den ich vor jedem Besuch bei der Onkologin vorbereitete, berichtet für diese dritte Woche des ersten Chemo-Zyklus’ lediglich von morgendlichen Kopfschmerzen, leichten Gelenkbeschwerden und gelegentlichem Nasenbluten. Ich hielt in der Woche auch schon mein erstes Haarbüschel in den Händen, was ich aber offenbar noch nicht mal für erwähnenswert hielt, so unwichtig erschien mir dies zu dem Zeitpunkt. Ansonsten liest sich die letzte Zeile wie folgt:

Ganze Woche sehr fit & gut geschlafen.

Emotional war’s trotzdem ein auf und ab und ich war froh um die grossartige Unterstützung aus meinem Umfeld. Ich traf mich mit lieben Menschen, führte viele Gespräche über Krebs und anderes, konnte mich fallenlassen und wurde aufgefangen. Kurz; ich konnte mich erholen, um anschliessend gestärkt in die zweite Runde zu gehen.

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11. Von Kontrolle zu Achtsamkeit

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9. Warten.