11. Von Kontrolle zu Achtsamkeit

Die zweite Chemotherapie stand am Donnerstag, 9. Juni 2022 an. Wie beim letzten Mal sollten erst die beiden Antikörper verabreicht werden, anschliessend das Taxol. Neu war nur das Antiallergikum, welches diesmal direkt zu Beginn verabreicht wurde. So waren wir guter Dinge, dass alles rund laufen würde.

Doch wir hatten die Rechnung ohne mein Immunsystem gemacht.

Während ich vor drei Wochen erst nach rund zehn Minuten eine allergische Reaktion zeigte, trat der Schock diesmal schon nach Sekunden ein. Mein Körper erinnerte sich an das Gift und erneut schnürte sich mir der Hals zu, blieb mir die Luft weg und sah ich bloss noch Sterne. Die Pflegefachfrau war zum Glück nicht von meiner Seite gewichen und stoppte die Infusion sofort. Wie beim letzten Mal wurden mir Sauerstoff und Adrenalin gebracht und ich wurde wieder aufgepäppelt.

Anders als beim letzten Mal schien es diesmal aber keine Möglichkeit zu geben, die Therapie fortzuführen. Da meine Ärztin in den Ferien war, wurde ihr Stellvertreter herangeholt, welcher mich kurzerhand nach Hause schickte.

Die Fachleute, an die ich sämtliche Verantwortung für meine Gesundheit und mein Leben abgegeben habe, lassen mich ohne Behandlung ziehen. Und ich lasse es einfach zu.

Nach aussen schien ich gefasst, aber das Gedankenkarussell begann sich zu drehen.

Sollte ich auf meine Therapie bestehen?

Ich blieb sprachlos, während die Gedanken weiter Fahrt aufnahmen.

Warum kämpfe ich nicht?

Mit jedem neuen Gedanken wurden die Selbstvorwürfe lauter und deutlicher.

Ist mir meine Gesundheit eigentlich egal?

Bis ich irgendwann zum Schluss kam:

Ich habe die Kontrolle verloren. Schon wieder.

Nachdem mir der Krebs am Tag der Diagnose die Kontrolle über mein Leben entrissen hatte, schien ich seit Therapiebeginn wieder die Oberhand zu haben. Das Gefühl der Sicherheit, welches mein Behandlungsplan vermittelte, nahm ich nur zu gerne an. Umso tiefer war nun der Fall, als sich das vermeintliche Sicherheitsnetz als durchlässig zeigte und ich die Kontrolle erneut abgeben musste.

Ich fühlte mich, als hätte ich persönlich versagt. Und wie zur Strafe für mein Versagen, klang der angepasste Behandlungsplan - denn selbstverständlich wurde ich nicht einfach ohne neue Strategie entlassen - auch alles andere als angenehm:

Die Therapie sollte am kommenden Montag mit einem leicht anderen Medikament wieder aufgenommen werden. Statt dem Taxol sollte ich neu das inhaltlich relativ ähnliche Taxotere erhalten, welches allerdings nicht im Abstand von jeweils drei Wochen verabreicht wird, sondern stattdessen wöchentlich.

Ich war mir sicher, dass ich die nächsten zehn Wochen ein physisches und psychisches Wrack sein würde, angesichts dieser meines Erachtens viel zu kurzen Erholungsphasen zwischen zwei Zyklen. Zudem hatten wir erst grad Tage zuvor unsere Sommerferien so umgebucht, dass sie zwischen die Therapien passen würden – davon ausgehend, dass diese in Stein gemeisselt wären. Entsprechend demoralisiert und weiterhin fassungslos liess ich mich an dem Tag von Beni nach Hause begleiten, wo ich direkt zu Bett ging um mich auszuheulen und anschliessend 14 Stunden zu schlafen.

Am nächsten Morgen erwies sich die abgebrochene Therapie leider nicht als schlechter Traum. Um meine Moral stand’s entsprechend schlecht und ich kam den ganzen Tag über nicht in die Gänge. Das Wochenende stand vor der Tür und damit eigentlich auch schon die nächsten Verabredungen, für die ich mich aber so gar nicht in der Lage fühlte. Kurzerhand sagte ich alles ab und entschied mit Beni, übers Wochenende in die Berge zu fahren und das Stockhorn zu erklimmen – wer weiss, wann ich in nächster Zeit nochmals so lange ohne Chemo und relativ frei von Nebenwirkungen sein würde.

So machten wir aus der Not eine Tugend und genossen zwei wunderschöne und heilsame Tage draussen in der Natur. Aus über 2000 Metern Höhe betrachtet, sahen die Probleme plötzlich kleiner aus und auch meine mir selbst zugeschriebene Schuld schrumpfte dahin. Es war die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können und genau das, was ich in dem Moment brauchte. Gut, haben wir in diesem Moment auf meine Bedürfnisse geachtet. Die Krankheit mag sich nicht kontrollieren lassen, aber die Fürsorge und Achtsamkeit, die ich mir schenke, schon. Und vielleicht ist das genug.

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12. Eine neue Therapie und ein Haus zum Geburtstag

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10. Herzensangelegenheiten