12. Eine neue Therapie und ein Haus zum Geburtstag

Am Montag, 13. Juni 2022, machte ich mich wohl oder übel auf den Weg ins Spital, zur ersten von insgesamt neun Therapien mit dem neuen Medikament. Wie schon beim letzten Mal liess mich die Pflegefachfrau nicht aus den Augen – aus gutem Grund, wie sich herausstellte. Ich konnte ihr gerade noch mitteilen, dass ich keine Luft mehr kriege, dann tanzten auch schon wieder die Sternchen vor meinen Augen.

Vorgängiges Antiallergikum hin oder her; auch dieses Medikament schien nicht meins zu sein.

Routiniert brachen wir alles ab und ich liess mich vom Stellvertreter meiner immer noch in den Ferien weilenden Ärztin nach Hause schicken. Und mangels Alternativen wurde mir diesmal auch tatsächlich kein weiterer Ersatz für die Therapie angeboten. Stattdessen würden wir eine Woche nach diesem erneuten Fehlversuch einfach direkt mit dem nächsten Punkt des Schlachtplans weitermachen; vier Zyklen Endoxan und Adriblastin im Abstand von jeweils zwei Wochen.

Und auch wenn’s im Kampf gegen den Tumor ein grosser Rückschlag war, so konnte ich doch nicht anders, als mich über den plötzlichen Wegfall der vielen zusätzlichen Sitzungen zu freuen. Kein Wunder, treiben Menschen nicht öfter Sport und ernähren sich nicht gesünder, wenn selbst in einer so lebenswichtigen Situation der kurzfristige Gewinn die langfristige Gefahr überwiegt… Absurd, aber auch ein Zeichen dafür, wie unvorstellbar das ganze Ausmass einer Krebsdiagnose ist. Wohlwollende Gemüter mögen es mir als Optimismus anrechnen, dass mich dieser Rückschlag nicht demotivierte. Ich sehe darin eher etwas Naivität. Doch sei’s drum; ein aufgeklärter Geist ist nicht immer ein zufriedener Geist und genützt hätte mir die Sorge nichts.

So nahm ich die vermeintlich gute Nachricht einfach hin und freute mich auf eine weitere quasi nebenwirkungsfreie Woche, die ich mit (etwas) Arbeit, (zahlreichen) Verabredungen und - weil ein Grossprojekt wie eine Krebsbehandlung nicht genügt - diversen Wohnungsbesichtigungen füllte.

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Bis ich mich am folgenden Montag schliesslich wieder dem Kampf gegen den Krebs widmen konnte. Rückblickend fühlt es sich an, als hätte meine Therapie dann erst begonnen. Zwar waren wir schon einen ganzen Monat dran, aber durch die vielen Rückschläge fühlte es sich nicht an, als hätten wir viel erreicht. Hingegen lief die Chemo von diesem 20. Juni fast schon überraschend problemlos, auch wenn ich diesmal ironischerweise (und wohl auch verständlicherweise) erstmalig richtig nervös war.

Auch die ersten beiden Tage nach der Therapie verliefen ruhig; so lange wirkten das vor der Chemo verabreichte Kortison und die Fortecortin-Tabletten, die ich zu Hause zu nehmen hatte, noch nach. Nebst dem Fortecortin stand auf meiner Medikamentenliste zusätzlich Neulasta, ein Medikament zur Unterstützung des Knochenmarks bei der Bildung von weissen Blutkörperchen. Verabreicht wird es in Form einer Spritze, die ich mir selbst in den Oberschenkel setzen musste – ein notwendiges Übel ohne das es nicht möglich gewesen wäre, die Chemo alle zwei Wochen durchzuführen. Also stach ich am Dienstag mit halb geschlossenen Augen beherzt zu und machte mich anschliessend auf den Weg zu einer weiteren Wohnungsbesichtigung. Eine solche stand auch für den Mittwoch bereits wieder an – und diese führte uns letztlich auch zum wunderschönen Haus, in dem wir heute wohnen und das uns am Freitagmorgen, dem Morgen meines Geburtstags, zugesagt wurde.

Meine letzte Nacht als Neunundzwanzigjährige war unruhig und von Übelkeit begleitet, so dass ich nicht sehr erholt in meine Dreissiger startete. Trotzdem war ich durch das unerwartete Geburtstagsgeschenk, die Zusage für unser neues Zuhause, schnell hellwach. Aufregung genug an diesem ohnehin nicht sehr energiegeladenen Tag, also entschied ich mich spontan gegen eine Feier. Stattdessen ging ich mit Beni ins Hammam, wo ich mich gut entspannen und einige Minuten Schlaf nachholen konnte. Die so gewonnene Energie konnte ich gebrauchen; die neue Therapie mag gut gestartet haben, aber sie würde mir noch einiges abverlangen.

Dennoch: ein besseres Geburtstagsgeschenk als eine erfolgreiche Krebstherapie gibt’s nicht - ausser vielleicht ein Haus, da habe ich schliesslich schneller was von.

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13. Stärke; eine Neudefinition

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11. Von Kontrolle zu Achtsamkeit