7. 773 Wörter Jargon

Es kam mir vor, als hätten wir nach der Diagnose zig Wochen mit Abklärungen vertrödelt, statt endlich mit der Behandlung zu beginnen und uns in Richtung Genesung zu bewegen. Während ich meine Zeit mit Allergietests und Blutuntersuchungen vergeudete, konnte der Tumor schliesslich noch ganz ungestört weiterwachsen. In Wahrheit war noch nicht mal eine Woche rum, als ich mich am Donnerstag, 12. Mai 2022, erstmalig mit einer Onkologin besprechen konnte. Ich war etwas nervös, freute mich aber auch darauf, die Therapie endlich konkret planen und vor allem auch baldmöglichst beginnen zu können.

Meine Onkologin nahm sich viel Zeit für mich und erklärte mir genau, wie meine Therapie aufgebaut wäre und in welchem Zeitrahmen welche Elemente davon anstehen würden. Die Art des Tumors hatte mir tags zuvor auch schon der Genetiker beschrieben, wobei diese Benennung für Laien nur schwer verständlich ist. Ein Erklärungsversuch:

Invasiv duktales Mamma-Karzinom NST (G3, ER 95%, PR 95%, HER2 3+, Ki-67 40%)

Das invasiv duktale Karzinom NST hat seinen Ursprung in den Milchgängen. Dies trifft auf einen Grossteil aller Brusttumore zu - spannend wird’s also erst innerhalb der Klammer. G3 beschreibt die Aggressivität des Tumors mit G1 als weniger bösartiges Ende der Skala und G4 als Maximalwert. Die beiden Werte bei ER und PR beschreiben den Hormonrezeptor-Status für die Hormone Östrogen und Progesteron. Bei hohen Werten ist der Tumor sogenannt HR-positiv und reagiert entsprechend auf diese Hormone. Das Tumorwachstum kann in einem solchen Fall durch den Entzug von Hormonen beeinflusst werden, weshalb eine Antihormontherapie empfohlen wird. HER2 ist ein Wachstumsfaktor-Rezeptor, welcher die Zellteilung anregt. Ist der Rezeptor in zu grossen Mengen vorhanden, was beim Maximalwert von 3+ der Fall ist, wächst der Tumor entsprechend schnell. Dies ist erstmal schlecht, ermöglicht aber auch eine sehr gezielte Antikörpertherapie mit weniger Nebenwirkungen. Der Ki-67-Wert schliesslich, zeigt auf, wie viele Zellen sich zum Zeitpunkt der Biopsie in Teilung befinden. 40% ist wohl ein relativ hoher Wert, welcher aber angesichts der vielen Wachstumsfaktor-Rezeptoren vielleicht auch nicht überrascht. Was weiss ich, ich bin keine Ärztin – auch wenn man während der Therapie ganz schön viel Jargon aufschnappt, wie ich soeben bewiesen habe (Irrtum selbstverständlich stets vorbehalten).

Dieser Beschrieb nimmt vorweg, welchen Behandlungsplan meine Onkologin mir in unserer ersten Besprechung vorschlug. Geplant war eine aus zwei unterschiedlichen Medikamenten bestehende Antikörpertherapie, gepaart mit einer Chemotherapie. Diese Kombination würde viermal verabreicht im Abstand von jeweils drei Wochen. Anschliessend würde die Chemotherapie mit zwei anderen Medikamenten im Abstand von jeweils zwei Wochen für weitere vier Male weitergeführt. Die Antikörpertherapie müsste man dafür vorerst unterbrechen, da sie nicht gleichzeitig mit dieser zweiten Form der Chemotherapie verabreicht werden kann. Nach diesen acht Infusionen würde der Tumor oder was davon übrigbleibt operativ entfernt. Ein erneutes Auftreten des Krebses nach der Operation sollte schliesslich mit dem Fortführen der Antikörper-Therapie und dem Start der Antihormon-Therapie verhindert werden. Erstere soll insgesamt ein Jahr dauern, zweitere insgesamt fünf Jahre.

So der Plan im Schnelldurchlauf.

Ich hätte ihn übersichtlicher aufschreiben können, mit einzelnen Absätzen, Nummerierungen und vereinfachenden Worten. Aber so fühlte es sich nicht an - es war eine geballte Ladung an Information, die mich beinahe erschlug. Was hängenblieb war insbesondere, dass wir lieber gestern als morgen starten sollten. Die Onkologin hatte aber noch einen letzten Einwand:

Ob ich mir denn schon Gedanken gemacht hätte bezüglich der Option, vor der Therapie Eizellen einfrieren zu lassen?

Glücklicherweise hatte ich das tatsächlich. Ich war bereits unmittelbar nach der Diagnose von meiner Gynäkologin darüber informiert worden, dass es diese Option geben würde, dass ich aber auch ohne solche Massnahme mit grosser Wahrscheinlichkeit würde Kinder kriegen können – sollte ich dies denn in sechs Jahren nach Abschluss der Antihormontherapie wollen. Da ich auch bis dato keinen Kinderwunsch verspürt hatte, entschied ich mich fürs Risiko und nahm damit in Kauf, zu den paar Prozent der Frauen zu gehören, die nach einer Krebsbehandlung nicht mehr fruchtbar sind. Eine Krebserkrankung verlangt einem viele schnelle und vor allem wichtige Entscheidungen ab. Da war ich froh, dass wenigstens eine davon verhältnismässig einfach gefällt war.

Wenn das alles sehr rational klingt, dann liegt dies zu einem grossen Teil am zwischenzeitlich gewonnenen zeitlichen Abstand. Damals war ich längst nicht so gefasst und hatte ständig Sorge, mich falsch zu entscheiden. Bei dieser konkreten Entscheidung überwog aber mein Vertrauen, dass ich schlimmstenfalls auch mit einem unerfüllten späten Kinderwunsch würde umgehen können. Eine Eizellenentnahme ist kein Spaziergang und ich wollte meinen Körper nicht noch mehr (letztlich vielleicht unnötigen) Eingriffen aussetzen. Mit der Onkologin vereinbarte ich, dass ich das Wochenende nochmals nutzen würde, um meine Gedanken zu sortieren. Sollte sich an meiner Entscheidung etwas ändern, könnte ich dies in den nächsten Tagen noch immer mitteilen, ansonsten würden wir am kommenden Mittwoch mit der Therapie starten. Endlich.

Zurück
Zurück

8. Ein langer Tag kurz beschrieben

Weiter
Weiter

6. Kranke Kasse oder gesundes Leben?