6. Kranke Kasse oder gesundes Leben?
Der Besuch beim Genetiker und die dabei erhaltenen Informationen lieferten mir viel Stoff zum Nachdenken. Mir war klar, dass ich eine wichtige Entscheidung zu treffen hatte - egal, wie sehr mich die Situation überforderte. Wollte ich nur den Tumor entfernen lassen und fortan mit halbjährlichen Kontrollen und möglicherweise in ständiger Angst leben? Oder wollte ich mich von meinen Brüsten verabschieden? Pest oder Cholera; von wollen konnte eigentlich ohnehin keine Rede sein.
Da meine Behandlung nicht direkt mit der Operation startete, hatte ich noch etwas Zeit, einen für mich stimmigen Weg zu finden. Ich war froh um den Aufschub, doch gebraucht hätte ich ihn nicht. Je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir, dass ich mich schon längst entschieden hatte. Natürlich hatte ich Zweifel, ob ich das richtige tue. Ich habe mich oft hinterfragt, habe andere Meinungen eingeholt, mich mit meinem Umfeld und auch mit meiner Psychologin ausgetauscht. Aber ich kam immer wieder zum gleichen Schluss.
Das Sterberisiko zu senken, konnte nicht mein einziges Ziel sein - ich wollte nicht einfach nur leben, ich wollte gut leben. Gesund und ohne Angst. Und wenn ich dafür meine Brüste hergeben musste, wäre das zwar ein hoher Preis, aber dennoch das kleinere Übel.
Selbstverständlich hatte das ganze auch einen wirklichen, realen, Preis. Ausgedrückt in Franken und Rappen und so gar nicht metaphorisch. Und genau da lag der sprichwörtliche Hund begraben. Auch wenn ich voll und ganz hinter meiner Entscheidung stand, konnte ich die gegensätzliche Empfehlung der Ärzte doch nicht ganz vergessen und ich fragte mich oft nach deren Gründe. Ein Antwort darauf erhielt ich erst, als die Operation bereits unmittelbar bevorstand. Der Grund ist so banal wie schockierend: ATM-Mutationen sind schlichtweg noch nicht so gut untersucht, als dass sie es bereits in den Krankenpflege-Leistungskatalog geschafft hätten. Dies bedeutet, dass unsere Krankenkassen zwar umstandslos die halbjährlichen Kontrolluntersuchungen via Mammografie oder MRI bezahlen (ganz zu schweigen von den Behandlungskosten, sobald eine dieser Kontrollen einen Befund ergibt), nicht aber die vorsorgliche Mastektomie. Dass durch die Mastektomie zudem die sonst erforderliche Bestrahlung wegfällt, ist vielleicht das i-Tüpfelchen auf der ohnehin lächerlich einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung.
Logik hin, Lächerlichkeit her, die Rückmeldung meiner Kasse las sich wie folgt:
Unser Vertrauensarzt teilt uns mit, dass die Voraussetzungen nach Krankenpflege-Leistungskatalog (KLV) Artikel 12b Buchstaben e nicht erfüllt sind. Eine präventive Mastektomie wird nur bei Trägerinnen von Mutationen oder Deletionen im BRCA1- oder BRCA2-Gen von der Grundversicherung übernommen. Nach Ihren Unterlagen ist dieses Kriterium nicht gegeben. Somit lehnen wir das Kostengutsprachegesuch ab.
Gekostet hat die Mastektomie mit gleichzeitiger Rekonstruktion genau CHF 10’033.50, was etwas weniger als drei Dosen meiner derzeit immer noch laufenden Therapie entspricht. Diese erhalte ich insgesamt 17-mal und es handelt sich dabei lediglich um eines von vielen Medikamenten, welche ich über die gesamte Behandlungsdauer benötigt habe - dies zum finanziellen Rahmen, in dem sich meine Therapie bewegt und in dem sich auch jede Folgeerkrankung wieder bewegen würde.
Wer nun aus Mitgefühl bereits das Portemonnaie gezückt hat, kann es getrost wieder wegstecken. Auch wenn mir meine Gesundheit jeden Rappen dieses Betrages Wert wäre, habe ich letztlich genau sechzig Franken bezahlt. Es scheint, als ob sich bei der Krankenkasse niemand die Mühe gemacht hätte, die Spitalrechnung soweit aufzudröseln, dass man mir die hypothetische Differenz zwischen der ohnehin benötigten brusterhaltenden Operation und der letztlich durchgeführten Mastektomie hätte in Rechnung stellen können.
Oder - und das ist mein Wunschszenario - vielleicht wollte man auch ganz einfach nicht. Vielleicht hat die Vernunft am Ende ja doch gesiegt.